Liebeskrank, weil dein Herz gebrochen wurde

Von Birgit Ehrenberg

Liebeskrank wirst du nach einer Trennung oder weil deine Zuneigung unerwidert bleibt

Liebeskrank wirst du nach einer schmerhaften Trennung oder weil deine Zuneigung unerwidert bleibt. In unserer Zeit gehört Liebeskummer zur traurigen Tagesordnung; keine Generation vor uns erlebte so viele Trennungen wie wir. Was macht das aus uns?

Inhaltsübersicht

Definition: Was liebeskrank bedeutet. Liebeskrank ist, wer so sehr verliebt ist, dass der normale Alltag unmöglich erscheint. Liebeskranke Menschen sind häufig unglücklich verliebt, weil sie nicht zurückgeliebt werden. Liebeskrank wirst du nach einer schmerzhaften Trennung oder weil deine Zuneigung unerwidert bleibt.

Menschen sind heute häufiger liebeskrank als je zuvor

Fast jeder moderne Mensch leidet mindestens einmal im Leben an heftigem Liebeskummer. Dabei ist Liebeskummer nicht neu, er ist ein „altes“ Leiden, vielleicht das älteste der Menschheit, die ganze Weltliteratur erzählt davon, angefangen von der Antike bis heute. Geschichten von Menschen, die daran zerbrechen, dass ihre Angebeteten sie nicht zurücklieben.

In unserer Zeit gehört Liebeskummer zur traurigen Tagesordnung; keine Generation vor uns hatte im Alter von 30 Jahren schon so viele Trennungen hinter sich wie unsere, sagen Statistiken. Wir befinden uns in einer Epoche der Abschiede, nahezu jede dritte Ehe wird geschieden. Wir müssen damit zurechtkommen, dass die Liebe, die wir festhalten möchten, weil sie uns das größte Glück bedeutet, oft befristet ist. Liebende, das sind häufig Lebensabschnitts-Gefährten, ein leidenschaftsloseres und bitteres Wort kann man sich kaum vorstellen.

Du entscheidest dich für einen Menschen – und der entzieht sich dir

Die Freiheit, uns immer wieder neu für unser Liebesglück entscheiden zu können und nicht in einer unbefriedigenden Beziehung zu bleiben, weil wir es einmal versprochen haben, wie es in früheren Jahrhunderten üblich war, hat eben ihren Preis. Dieser ist vor allem dann besonders hoch und schmerzlich, wenn wir es sind, die verlassen werden, weil unser Partner oder unsere Partnerin denkt, dass wir nicht mehr passen, wenn wir ausgetauscht werden gegen einen anderen Menschen, der passt.

Was für eine Kränkung für unser Ich, wenn wir herausgeschubst werden aus einem Leben, das zumindest uns hervorragend gefällt, das wir behalten möchten, wenn wir nicht mehr mitspielen dürfen mit einem Menschen, der uns als der Inbegriff der Seligkeit erscheint, wenn wir die Hand nach ihm ausstecken – und er entzieht sie uns.

Liebeskranke Menschen sind unglücklich, weil sie nicht zurückgeliebt werden

Was Liebesentzug mit uns macht

Innere Kälte und Erstarrung als Antwort auf den Liebesentzug, Einsamkeit, Grauen, Verzweiflung, Angst, aber auch Wut und Hass können die Folgen dieses Verlusts sein. Der Boden wird einem unter den Füßen weggezogen. Liebeskummer setzt ein enormes Stressprogramm für Körper, Geist und Seele in Gang. Man fühlt sich wie auf einem Kriegsschauplatz, befeuert von negativen Gedanken und Gefühlen erlebt man sich als Opfer – alles Symptome, unter denen auch Menschen leiden, die eine traumatische Krise durchleben.

Das ist der Grund, warum sich Traumaforscher wie der Psychiater Günter H. Seidler wissenschaftlich mit Liebeskummer befassen und davor warnen, Liebeskummer nicht ernst zu nehmen. Schon die Bezeichnung „Liebeskummer“ ist verniedlichend, sie klingt nach einem Bagatell-Problem, das schnell aus der Welt zu schaffen ist, wenn man sich zusammenreißt, den Blick nach vorn richtet, sich ablenkt.

Dabei ist es keine Ausnahme, dass von Liebeskummer Betroffene völlig aus ihrer Lebensbahn hinauskatapultiert werden, nicht mehr arbeiten, essen und schlafen können, Suizidgedanken entwickeln, depressiv werden.

Was deine Umwelt macht, wenn du liebeskrank bist

Wer solch einem Menschen begegnet, möchte helfen und ist zugleich in der eigenen Hilflosigkeit befangen. Wie soll man mit jemanden umgehen, den der Liebeskummer schier zerreißt? Und: Wie soll dieser Mensch mit sich selbst umgehen?

Für Außenstehende gilt als erste Regel, der Liebeskranke möge von platten Sätzen verschont bleiben, Sätze, die sich als vermeintlicher Trost hartnäckig halten und nur größere Trostlosigkeit hervorrufen.

Aus der Auswahl aller möglichen Schreckenssätze wähle ich diese besonders schrecklichen aus, die sich in die verletzte Seele fräsen wie ein Messer in eine Wunde.

  • Satz 1: Wo eine Tür zugeht, geht die nächste Tür auf.
  • Satz 2: Andere Mütter haben auch schöne Söhne/Töchter.
  • Satz 3. Alles hat sein Gutes. Du wirst es noch sehen.
  • Satz 4. Zeit heilt alle Wunden.

Es nicht so, dass die Sätze der Wahrheit gänzlich entbehren, aber man sollte sie trotzdem für sich behalten, jedenfalls dann, wenn die Wunde offen ist.

Wer wirklich trösten und unterstützen möchte, sollte sich vor diesen Sätzen hüten und Respekt vor der Trauer des anderen haben, das heißt, die ganze Wucht des Schmerzes anzuerkennen, sie nicht kleiner zu machen, sie nicht schmälern, bitte nicht, denn damit macht man den liebeskranken Menschen klein. Das wird häufig unterschätzt, dass es eine Demütigung ist, Schmerz klein zu reden, auch wenn dahinter ein guter Wille steckt.

Oft haben Freunde und Familie auch Scheu, das emotionale Drama beim Namen zu nennen, offen zu sagen, oh je, ja, es ist furchtbar, was Du durchmachst. Du Arme oder Du Armer! Du gehst durch die Hölle.

Die Scheu rührt daher, dass viele unbewusst Angst davor haben, dass sie diese Katastrophe selbst ereilt, man glaubt, was man nicht zur Sprache bringt, verschwindet. Mir kommen dabei Kinder in den Sinn, die sich die Augen zuhalten, wenn sie etwas gruselt. Bei Kindern ist das ein natürlicher Impuls, für Erwachsene ist das – entwicklungspsychologisch gesehen –grundverkehrt. Der Schmerz muss nach oben, er muss raus.

Tipps für den Umgang mit liebeskranken Menschen

Für einen angemessenen Umgang mit liebeskranken Patienten hilft es, zu wissen, dass Liebeskummer in vier Phasen verläuft. Die erste beginnt mit der Trennung, unmittelbar danach verleugnen die Verlassenen oft das Geschehen. Sie versuchen, um ihre Liebe zu kämpfen. Die zweite Phase ist charakterisiert durch Protest und Hadern, manchmal entstehen Rachefantasien. Dann folgt die Phase der Selbstreflexion, in der die Beziehung und die eigene Rolle darin stärker in Frage gestellt werden. Und schließlich folgt die Phase der Neuorientierung, des Neuanfangs. Diese vier Phasen können bis zu zwei Jahre dauern.
Ich plädiere dafür, dass man jemanden durch dieses Tal begleitet, liebevoll begleitet, wobei ich das mit dem Begleiten exakt so meine, wie es der tiefere Sinn des Wortes ist: Zur Seite stehen, den Weg mitgehen, sich nicht einmischen, sich dumme Sätze und noch dümmere Ratschläge sparen. Ratschläge sind Schläge, das hat mir einmal eine weise Frau gesagt – und es stimmt. Zur Seite stehen, das heißt, da sein und zuhören, viel schweigen, Hühnersuppe kochen, Fürsorge schenken, Liebe geben, haargenau: Liebe!

Zwar kann kein Kümmerer oder keine Kümmerin die einmalige Liebe ersetzen, die dem Liebeskranken fehlt, die Liebe des Menschen, der einen hat im Regen stehen lassen, aber wie ich auch jemanden pflege und „betüdele“, der Grippe hat, sollte ich auch jemanden umsorgen, der Liebeskummer hat.

Was macht Liebesentzug mit uns? Einsamkeit, Verzweiflung, Angst, aber auch Wut und Hass können die Folgen von Verlust sein

Und was kannst du als liebeskranker Mensch für dich tun

Im Grunde genommen gilt auch für ihn, sich selbst Respekt zu erweisen, sich Liebe zu geben, sich zu verzeihen, dass man vielleicht noch vier Monate nach der Trennung kein Stück über den Verlust hinweg ist und sich zum Narren macht. Dafür darf man sich nicht verdammen, es als „Schwäche“ abwerten, sich abwerten. Heilender: Die Dinge in einem guten Licht sehen. Hey, man kann offensichtlich sehr intensiv lieben, sonst würde man nicht so leiden – lieben können, das ist eine Stärke!
Der nächste Schritt zur Linderung: Mit sich in den Dialog treten, auf Spurensuche gehen, warum es zur Trennung gekommen ist, zu versuchen, die Dinge zu verstehen, sich selbst zu verstehen.

Ist es „nur“ der frische Schmerz, der derart weh tut? Oder ploppt auch die Erinnerung an andere Seelenqualen auf? Gibt es da generell einen Mangel an Liebe, fühlte sich jemand vielleicht nie richtig geliebt, schon von Kindheit an? Man muss nach und nach in den Spiegel schauen, immer ein Stückchen mehr, man muss sich selbst erkennen, um sich selbst zu helfen oder um zu entscheiden: Ich schaffe das nicht allein, da sind viele Altlasten in mir, es geht hier nicht ausschließlich um meine gegenwärtige Lage, ich brauche therapeutische Unterstützung.

Liebeskrank zu sein birgt auch Chancen

Wenn ich einen Idealfall skizzieren sollte, wie ein liebeskranker Mensch wie Phoenix aus der Asche aus dem Liebes-Leid hervorgehen kann, wie er sich sein verloren gegangenes Paradies neu errichtet, dann stelle ich mir jemanden vor, der sich „danach“ selbst besser kennt, der ein besseres Verhältnis zu sich hat, der sich selbst bedingungsloser liebt – und der damit besser und sogar bestens ausgestattet ist für eine neue Liebe.

Von daher finde ich, dass die wenigen Menschen, die noch nie Liebeskummer hatten, nicht zu beneiden sind. Im Gegenteil. Liebesschmerz ist fast gut, fast notwendig, um Liebe wirklich intensiv erleben zu können.

Wer die Reise aus dem Dunkel ins Licht hinter sich hat und den Mut aufbringt, dem Leben und der Liebe wieder zu vertrauen, der legt andere Schätze in die Waagschale der Liebe als jemand, der nur die Sonnenseite der Liebe kennt. Deshalb heißt es, Liebe ist nichts für Feiglinge. Auf diese Weisheit aber muss man selbst kommen, niemand hat das Recht, sie einem überzustülpen.