Wie gut kennt ihr euch wirklich?

Von Redaktion

Um sich wirklich kennen zu können, müssen die Partner ehrlich sein

Ihr versteht euch auch ohne Worte und kennt euch in- und auswendig? Sorry: Aber das ist vermutlich nur eine Illusion. Warum ein Geheimnis glücklicher Beziehungen ist, dass man sich immerzu neu kennenlernen kann.

Inhaltsübersicht

Verliere nie die Neugierde für deinen Partner: Je länger du mit deinem Partner zusammen bist, desto besser lernst du ihn kennen. All die wunderbaren Eigenschaften, die ihn zu etwas ganz Besonderem machen. Du weißt, wie er tickt. Was er liebt, was er hasst, was er gern beim Chinesen bestellt, wie er seinen Kaffee trinkt und ob er lieber Schokolade, Chips oder Gummibärchen isst. Du kennst ihn in- und auswendig und verstehst ihn ohne Worte. Oder?

Aber trotzdem fliegen die Fetzen

Doch warum kommt es in den letzten Wochen und Monaten immer wieder zum Streit? Warum fetzt ihr euch ständig wegen Banalitäten? Warum regt dich dein Gegenüber in letzter Zeit andauernd auf? Und was ist bitteschön aus dem „in- und auswendig“ geworden?

Für Paartherapeuten sind diese Fragen absolute Klassiker, genau wie die dazugehörigen Streit-Situationen, die fast alle Paare irgendwann einmal durchlaufen. Hier ein Beispiel:

Er: „Du weißt gar nicht, wie sehr ich ________ hasse. Das machst du ständig!“
Sie: „Ich dachte, du magst das, nur deshalb mache ich das. Ich finde das doch auch total doof, warum hast du denn die ganze Zeit nichts gesagt?“
Er: „Naja, um dich nicht zu verletzen. Ich dachte, du magst es und machst es deshalb immer.“

Eine Gesprächssituation, in der zwei Menschen realisieren, dass sie jahrelang aneinander vorbei geredet – und gehandelt – haben.

Kleine Lügen erhalten die Freundschaft?

Doch wie konnte es dazu kommen? Die Antwort ist simpel: Vermutlich habt ihr euch noch NIE richtig gekannt. Wieso? Ganz einfach! Der Mensch tendiert dazu, immer seine Schokoladenseite zu zeigen. Das fängt schon in der Phase der Verliebtheit an. „Ich liebe Rockmusik, du auch?“ Ähm, nein, eigentlich mag ich eher Pop-Musik. „Ja klar, geht doch nichts über ein gutes… äh… Metallica-Konzert.“ Eine Notlüge. Denn Sie wissen ja: Kleine Lügen erhalten die Freundschaft und schaffen Gemeinsamkeiten, das war schon immer so. Und gerade am Anfang einer Beziehung drückt man schließlich gerne mal ein bis zwei Augen zu, nicht wahr? Tja, aber ein paar dieser Mini-Lügen gehen uns leider irgendwann ins Blut über. Wir erstellen ein Bild von unserem Gegenüber und nehmen dieses als gegeben hin. Und genauso bekommt auch unser Partner nur eine Fotokopie von uns, die uns zwar ähnlich sieht, aber keine exakte Replika ist.

Oft kennen wir uns nicht, sondern projizieren unsere eigenen Gedanken auf unser Gegenüber

Wir nehmen Routinen als Selbstverständlichkeit hin

Genauso läuft es mit den Routinen unseres Partners. Die Annahme: Er liebt es, morgens früh aufzustehen, seinen Kaffee zu trinken und dabei die Zeitung zu lesen. Weil er das immer so gemacht hat. Weil du es so machst. Eure gemeinsame Morgen-Routine. Aber: Woher willst du eigentlich wissen, dass er diese Routine wirklich schätzt? Vielleicht steht er seit drei Jahren jeden Morgen um 6 Uhr auf, weil er oder sie weiß, dass dir diese Gewohnheit wichtig ist. Oder weil dein Partner glaubt, dass er „ein Riesenfass aufmachen“ würde, wenn er vorschlägt, lieber am Kiosk einen Coffee-To-Go und eine Bretzel zu holen, weil er lieber eine halbe Stunde länger schlafen würde. Vermutlich hast du keinen Schimmer, oder? Und jetzt überleg mal, wie viele Alltags-Momente es noch gibt, von denen du nicht weißt, ob dein Schatz sie wirklich liebt oder leidenschaftlich hasst.

Das Leben unterliegt der Veränderung

Aber auch, wenn ihr euch in der Vergangenheit nicht angeschwindelt habt, könnte es sein, dass aus ehemaligen Wahrheiten heutige Lügen geworden sind. Überleg mal, hast du nicht auch schon mal etwas jahrelang toll gefunden, bis du eines Morgens aufgewacht bist und es plötzlich nicht mehr ertragen konntest? Es ist, wie es ist: Die Zeiten ändern sich, genau wie wir Menschen. Wir entwickeln uns weiter – tja, oder zurück – oft in die gleiche Richtung, aber manchmal eben auch in gegensätzliche Richtungen. Wir entfremden uns mit jedem Tag, ohne es zu realisieren. Und merken es erst, wenn es knallt.

Ohne Austausch geht’s nicht

Die meisten Partnerschaftsprobleme entstehen also aus kleinen Lügen, Gewohnheiten und Projektion. Wir glauben, dass wir wissen, wer der andere ist, aber in Wahrheit projizieren wir unsere eigenen Gedanken auf unser Gegenüber, weil wir denken, dass der andere so tickt wie wir. Statt so zu handeln, sollten wir uns jedoch besser austauschen und stetig nachverhandeln. „Nachverhandeln?

Versteht ihr euch auch ohne Worte und kennt euch in- und auswendig?

Klingt ja wie im Mitarbeitergespräch beim Vorgesetzten.“ Ja, und im Prinzip ist dieser Vergleich auch genau richtig. Denn: Bei einem solchen Gespräch geht man immer wieder in den Austausch, bespricht, wie einem der Job gefällt, ob man ihn gut macht und das Arbeitsklima stimmt. Man diskutiert, ob sich Veränderungen oder Probleme ergeben haben, ob man sich in irgendeine Richtung weiterentwickeln oder fortbilden möchte. Tja, und genau das müssen wir auch mit unserem Partner tun, natürlich ohne dass einer den Boss raushängen lässt, sondern auf Augenhöhe.

Fragt einander zum Beispiel nach euren Vorlieben. Überprüft, ob der andere sich vom Gummibären zum Schoko-Typen entwickelt hat oder vielleicht sogar mittlerweile auf Lakritz steht. Das gilt übrigens auch fürs Bett. Denn nur weil du früher mal Fan der Missionarsstellung warst, heißt es ja nicht, dass du es jetzt nicht viel lieber im Doggy-Style magst – die Stellung, die laut Studien übrigens der Favorit von 64 Prozent der Deutschen ist, dicht gefolgt von der Reiterstellung. Und stell dir jetzt mal vor, dass dein Partner noch immer denkt, dass du es nur in der Missionarsstellung magst, und nur ihm zuliebe ab und zu mal ein bisschen Bett-Gymnastik machst. Eieiei…

Gemeinsam träumen und planen

Das schöne an Veränderung ist, dass damit auch neue Chancen einher gehen. Wer früher von der Doppelhaushälfte geträumt hat, trägt 20 Jahre später vielleicht den Wunsch in die Südsee auszuwandern in sich. Ein Traum, den du vielleicht auch toll findest. Oder ihr entdeckt gemeinsam neue Hobbys und Vorlieben, die ihr gemeinsam in die Tat umsetzen könnt. Dinge, die ihr zwischen den immer gleichen Routinen und Vorurteilen nie entdeckt hättet. Wenn ihr im Gespräch bleibt und aneinander Interesse zeigt, könnt ihr euch neu kennenlernen. Woche für Woche, Jahr für Jahr. Ein bisschen so wie damals, als ihr euch kennengelernt habt – nur ohne Schokoladenseiten, Notlügen und rosarote Brillen.

Am Ende zählt die Ehrlichkeit

Wichtig ist, dass ihr bei all dem ehrlich zueinander seid, denn sonst kommt ihr keinen Schritt weiter. Aber bedenkt auch, dass es gut möglich ist, dass euch das wahre Gesicht eures Partners nicht (mehr) gefällt. Es könnte sein, dass ihr all die Jahre nur gedacht habt, dass ihr fantastisch zueinander passt. Dass ihr Gemeinsamkeiten teilt und die gleichen Dinge liebt. Es könnte sein, dass ihr herausfinden werdet, dass ihr euch in verschiedene Richtungen weiterentwickelt und euch eigentlich schon lange nichts mehr zu sagen habt. Das wortlose Verständnis wurde quasi missinterpretiert und war in Wirklichkeit nur unangenehmes Schweigen. Wenn das der Fall ist, solltet ihr unbedingt ehrlich zueinander sein und euch fragen: Lohnt es sich noch, beieinander zu bleiben? Sind wir nicht allein besser dran? Ist nicht eine harmonische Freundschaft besser als eine Beziehung voller Hass und Streit?

Und am Ende ist es doch so: Wenn zwei Menschen auseinandergehen, ist das sehr schade. Aber mit dieser Entscheidung haben beide auch die Chance, ihr Glück an einem anderen Ort mit einem neuen Menschen zu finden.