Liebe & Gefühle

Wie gefährlich ist eine emotionale Abhängigkeit?

Von Eric Hegmann

Frau hält sich fest an ihrem Mann

Liebe ich zu viel? Bin ich emotional abhängig? Nutzt mein Partner mich aus? Warum lasse ich das mit mir machen? Und was heißt eigentlich in einer Beziehung emotional abhängig zu sein?

Inhaltsübersicht

Was ist eine emotionale Abhängigkeit?

Unter „emotionaler Abhängigkeit“ versteht man, wenn du dich gefühlsmäßig an deinen Partner bindest und dadurch deine persönliche Freiheit aufgibst. Wenn du über deine Beziehung hinaus kaum soziale Kontakte hast und dein Selbstbewusstsein sich nahezu ausschließlich aus der Fixierung auf deinen – meist idealisierten – Partner speist. Derartige Partnerschaften beruhen oft nicht auf Gegenseitigkeiten, sind nicht gleichberechtigt. Vor allem kann sich eine emotional abhängige Person meist nicht mehr aus eigener Kraft aus der Beziehung lösen und verharrt hilflos in dieser Abhängigkeit vom Partner. Betroffene passen sich an, tun alles für die Beziehung, unterdrücken dauerhaft eigene Wünsche, klammern sich an ihren Partner und gehen Konflikten aus dem Weg.

Kannst du zu viel lieben?

Liebe macht glücklich. Liebe ist es wert, zu investieren, Kompromisse einzugehen, nicht nur das Ich, sondern auch das Wir zu berücksichtigen, bevor man eine Entscheidung trifft. Aber wann ist der Wunsch nach Liebe nicht mehr wohltuend, wann ist er ein Zwang? Wer Liebe braucht, macht sich emotional abhängig. Wer an einer unglücklichen Beziehung festhält, weil die Furcht vor dem Alleinsein schwerer wiegt als die schmerzhaften Auseinandersetzungen mit dem Partner, leidet unter der Liebe.

Sie will mit ihm zusammensein, obwohl er ihr nicht gut tut.

Beziehungen sind ein Wechselspiel, mal gibst du oder empfängst du, mal sehnst du dich nach Autonomie und Selbstbestimmung, mal nach Einheit und Verschmelzung. Setze einmal kurz Liebe mit Energie gleich, dann wird nämlich schnell deutlich, wie glückliche und wie toxische Beziehungsdynamiken aussehen. Mit deinem Partner tauschst du also deine Energie aus. Ihr ladet einander auf. Das verläuft nicht immer zu gleichen Teilen und die Essenz der Liebe ist wohl für viele, dass es nicht wichtig ist, exakt so viel zurückzubekommen wie man gegeben hat. Wahre Liebe rechnet nicht auf, das ist auch okay – für eine Zeit.

Beziehungen funktionieren dauerhaft nur, wenn beide Partner genug Energie zur Verfügung haben, um sich selbst versorgen und antreiben zu können. Sind deine Batterien leer und werden sie nicht mehr gefüllt, dann drohen Leere, Mutlosigkeit und Pessimismus. Das sind die Grundlagen für Burn-Outs und Depressionen.

Liebe ist Energie und Treibstoff in einer Beziehung

Menschen mit einem verletzten Selbstwert benötigen mehr Energie von anderen als jene, die mit sich selbst im Reinen sind. Sie sind sozusagen dauerhaft unterversorgt, weil sie mehr verbrauchen, als sie selbst aus sich heraus produzieren. Deshalb zapfen sie die Energiereserven der Personen in ihrer Umgebung an. Wenn dein Partner dir ständig deine Energie nimmt, musst du aufpassen, dass du selbst nicht langfristig unterversorgt bist – und du musst prüfen, ob du nicht in einer toxischen Beziehung bleibst, weil du vergeblich darauf hoffst Energie zu erhalten.

Sie klammert sich an ihn

Dieses Liebe-Energie-Modell beschreibt, wie Beziehungspartner miteinander verbunden sind durch gegenseitigen Austausch. Der Dreh- und Angelpunkt dabei ist der Selbstwert als interne Batterie, Ladestation und Generator. Je höher der Selbstwert, umso runder laufen die Kreisläufe, umso weniger Energie muss von außen zugeführt werden, umso mehr kann abgegeben werden. Je niedriger der Selbstwert, umso größer die Notwendigkeit, andere Energiequellen anzuzapfen.

Manche Menschen benötigen viel zusätzliche Energie, weil sie wegen ihres niedrigen Selbstwertes darauf angewiesen sind. Sie erzeugen Schuldgefühle bei ihren Partnern, um diese so manipulieren zu können. Sie nutzen Empathie und Mitgefühl aus, was ihnen entgegen gebracht wird. Sie fordern und verlangen viel, geben aber nichts oder wenig zurück. Einige von ihnen werden aggressiv und begehen Missbrauch, wenn ihnen Grenzen gesetzt werden.

Macht dich dein Partner emotional abhängig?

Betroffenen ist die eigene Abhängigkeit in der Beziehung oft gar nicht oder nur teilweise bewusst. Deshalb solltest du dich immer wieder fragen:

  • Fühle ich mich wohl in dieser Beziehung?
  • Bin ich glücklich? Fühle ich mich gleichberechtigt?
  • Findet unsere Beziehung „auf Augenhöhe“ statt?

Fühlst du leer, eingeengt oder ausgenutzt, dann müsst ihr dringend Kompromisse verhandeln, die für euch beide befriedigend sind.  Lässt dein Partner sich nicht darauf ein, dann müsstest du zu deinem Schutz eigentlich jetzt klare Grenzen ziehen. Doch genau das fällt ja so schwer. Wenn du emotional abhängig bist, dann zeichnet eure Beziehung eine übertrieben Form von Hingabe und einseitiger emotionaler Arbeit aus. Hingabe und emotionale Arbeit: ohne sie geht es nicht. Das ist klar. Doch die Hingabe eines Abhängigen erwächst nicht aus Liebe, sondern aus Bedürftigkeit. An sich ist auch an der Bedürftigkeit nichts verkehrt. Wir alle sind bindungs- und liebesbedürftige Wesen, doch die angesprochene Bedürftigkeit des abhängigen Partners wird dann ausgenutzt, manchmal sogar provoziert – dann sprechen wir von Manipulation.

Bin ich emotional abhängig? – Toxische Beziehungen erkennen

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Mit diesen Partnern gerätst du in eine emotionale Abhängigkeit

Ein Partner, der dein Wohl im Sinn hat, wird von sich aus gegensteuern, wenn eure Beziehung aus dem Gleichgewicht gerät. Denn er zieht keine Vorteile daraus, dass du von ihm abhängig bist. Aber es gibt Persönlichkeiten, die brauchen es, dich klein zu halten und dich zu dominieren, um dich für ihre Bedürfnisse zu missbrauchen.

Menschen mit starken narzisstischen Anteilen

Der bekannteste Manipulator ist auch der verführerischste: der Narzisst. Meist erscheint er als besonders selbstbewusst, doch in Wahrheit sucht er Kontrolle und Anerkennung, weil er aus deinen Bemühungen Energie zieht, um seinen niedrigen Selbstwert zu erhöhen.

Frustrierte und pessimistische Menschen

Sie fühlen sich als Opfer, alle sind gegen sie und nutzen sie aus. Sie haben so viel Schlechtes erlebt, dass sie Gutes nicht mehr erwarten und grundsätzlich auch mit Misstrauen begegnen. Deshalb benötigen sie immerzu Zuwendung und fühlen sich auch dann noch schlecht behandelt.

Der Kritiker und Zyniker

Weil er sich selbst bereits klein fühlt, wertet er andere ab, damit sie ihn nicht länger überragen können. Er ist nie zufrieden und fordert für sich ein, was er anderen nie zugestehen könnte. Für andere kann er sich nicht freuen, denn er vermisst den eigenen Erfolg dafür viel zu sehr.

Menschen mit Nähe-Distanz-Problemen

Störungen im Nähe-Distanz Bedürfnis führen dazu, dass dein Partner nahezu gleichzeitig deine Nähe sucht – und dich abweist, sobald du ihm diesen Wunsch erfüllen willst. Da er so alleine über eure Zweisamkeit herrscht, hat er dich ganz und gar im Griff und dein Nähebedürfnis muss sich seinem Distanzwunsch unterwerfen.

Wie kannst du dich aus der Abhängigkeit vom Partner lösen?

Als eine mögliche Ursache emotionaler Abhängigkeit gilt das Bindungssystem. Bist du ein stark unsicher vermeidend oder ängstlicher Bindungstyp mangelt es dir an Sicherheit und Vertrauen – was sich normalerweise in deiner frühen Kindheit durch stabile, fürsorgliche und verlässliche Bindungen zu deinen Eltern oder Bezugspersonen ausbildet.

Wie können sich Menschen, die emotional abhängig sind, aus diesem Teufelskreis lösen und wieder mehr Autonomie und Selbstachtung gewinnen? Extreme Formen einer emotionalen Abhängigkeit vom Partner, insbesondere im Zusammenhang mit bestimmten Erkrankungen (Borderline, Narzissmus), bedürfen in jedem Fall einer therapeutischen Behandlung.

Quellen: Robin Norwood: „Women Who Love Too Much! When You Keep Wishing and Hoping He’ll Change“. Stefanie Stahl: „Vom Jein zum Ja!: Bindungsangst verstehen und lösen. Hilfe für Betroffene und ihre Partner“. Heinz-Peter Röhr: „Wege aus der Abhängigkeit – Belastende Beziehungen überwinden“.