Beziehungs-Kollaps in Corona-Zeiten vermeiden

Von Eric Hegmann

Stress wegen Corona? Zu wenig Freiraum und zu viel Nähe? Was Paare unternehmen können, um einen Beziehungskollaps zu verhindern. Tipps für die Zeit der Paarantäne.

Inhaltsübersicht

Oft wird behauptet, dass diese Generation von Bindungsangst getrieben ist und Nähe ganz schlecht aushält. Autonomie, Selbstbestimmung und viel eigene Freiheit sind ihre Werte. Die Corona-Krise stellt all das auf den Kopf. Jetzt geht es darum, Nähe zuzulassen, Kompromisse zu machen, zueinander zu stehen und einander Halt zu geben. Klingt wie eine Chance für die Liebe.

Sie: „Was machst du denn zuhause?“
Er: „Ich wohne hier!“
Sie: „Aber doch nicht um diese Zeit!“

Dieser Dialog aus Loriots „Papa ante Portas“ dürfte sich diese Tage und – wenn man sich die Entwicklung der letzten Tage betrachtet – in der nächsten Zeit häufiger in der ein oder anderen Form ereignen: Partner und Familien müssen zuhause bleiben und wegen des Corona Virus machen immer mehr Arbeitnehmer Homeoffice. Jetzt wird es in den eigenen oder gemieteten Wänden richtig eng. Was macht Corona mit der Liebe?

Endlich mehr Zeit zu zweit

Gegen den Beziehungskollaps in Corona-Zeiten helfen auf jeden Fall schon einmal Rückzugsmöglichkeiten

In der Paartherapie wird am häufigsten darüber geklagt, dass die Partner zu wenig zeit miteinander verbringen, dass sie aufgerieben werden zwischen Terminen und Verpflichtungen und sie sich danach sehnen, mehr voneinander zu haben. Vielleicht sollten wir deshalb zuallererst das Positive sehen. 58% der Frauen gaben beispielsweise in der Gemeinsamzeitstudie von mydays.de an, dass sie in ihrer Beziehung am glücklichsten sind, wenn sie Zeit mit ihrem Partner verbringen. Für 76 Prozent der Befragten ist zu wenig Zeit füreinander der häufigste Grund für eine Beziehungskrise und immerhin 47 Prozent sehnen sich nach mehr Zeit mit den Liebsten. Ja, einerseits bewahrheitet sich der Satz: Sei vorsichtig, was du dir wünschst. Aber andererseits haben Paare  nun wirklich die Gelegenheit, sich in dieser Krise gegenseitig zu stützen – schon allein, weil sie füreinander da sein können.

Gleichzeitig sind Freiräume wichtig

Es heißt, das Autonomiebedürfnis von Paaren sei niemals größer gewesen. Das zeigen vielleicht auch Beziehungsmodelle wie Mingles oder Freundschaft Plus, bei denen es darum geht, ein Maximum an Freiraum und das Nötigste an Sicherheit zu verbinden. Und die Statistik gibt dieser Beobachtung recht: Für jeden vierten Deutschen steht fest, dass auch in einer Beziehung nicht jede Sekunde zu zweit verbracht werden muss: Stattdessen schwören 26 Prozent darauf, hin und wieder etwas alleine zu unternehmen und dem Partner diese Zeiten ebenfalls zuzugestehen – die Freude auf das Wiedersehen ist danach schließlich umso größer. Möglichst viel Zeit gemeinsam zu erleben ist hingegen nur für 8 Prozent der Befragten Teil der Liebesformel. Viel wichtiger sind dafür Rituale, die im Alltag gepflegt und zelebriert werden: das Kuscheln vorm Einschlafen, der Sonntagsspaziergang oder das tägliche gemeinsame Frühstück – diese intimen Bräuche tragen für 15 Prozent zum perfekten Liebesglück bei. Und auch Pläne und Träume, die man miteinander schmiedet und in die Tat umsetzt, schweißen 17 Prozent zu einem unzertrennlichen Duo zusammen. Das ergab eine repräsentative Umfrage von Parship und Innofact.

Erklärt: Was führt zu Konflikten in der Corona-Krise?

Corona-Paarantäne ist eine Beziehungs-Challenge. Es ist aber viel zu kurz gedacht, nur die räumliche Enge als Problem zu sehen. Vielmehr geht es um die Angst, in einer Krise alleingelassen zu werden, um emotionale Nähe, gerade wenn die körperliche Nähe anstrengend wird. Klingt paradox und ist genau deshalb auch der Kern vieler Paarprobleme im Moment. Ich möchte das erklären: Moderne Bindungsforschung geht davon aus, dass eine sichere Bindung der Wunsch eines jeden Menschen ist. Wir fragen uns permanent in einer Beziehung:

  • Bist du für mich da?
  • Bist du erreichbar für mich?
  • Hörst du mich?
  • Nimmst du mich wahr?
  • Bin ich wichtig für dich?

Können die Partner diese Fragen mit „Ja“ beantworten, dann gilt deren Bindung als sicher. Dagegen sind die folgenden Fragen Ausdruck typischer Ängste einer von Unsicherheit geprägten Partnerschaft:

  • Ich werde dich furchtbar enttäuschen
  • Ich bin deiner Liebe nicht wert
  • Ich habe dich nicht verdient
  • Du wirst nicht da sein für mich, wenn ich dich brauche
  • Du wirst irgendwann genug von mir haben
  • Du wirst mich irgendwann verlassen

Liebespartner sind einander sowohl sicherer Hafen als auch sichere Basis. In Krisensituationen beschäftigen deshalb Paare immer wieder diese Fragen: „Auf welche Weise unterstützt mich mein Partner? Wie tröstet er mich, wie ermutig er mich?“ Wer kleine Kinder hat, kennt diese Fragen gut. Und tatsächlich wiederholen sich in Liebesbeziehungen die Dynamiken von früher – wenn man denn genau hinschauen möchte.

Sobald wir fürchten die Bindung zu verlieren, ziehen wir uns also entweder zurück, um bloß nichts falsch zu machen und den Partner nicht (noch mehr) zu enttäuschen – oder wir bemühen uns beim Partner umso dringlicher nach Nähe, wollen uns seine Liebe verdienen und fordern Bindung ein. Damit beginnt ein extrem unglücklich machender und anstrengender Zyklus.

In der „Paarantäne“ wegen Corona: Jetzt die Sorgen und Ängste teilen und einander beistehen

Denn gewinnen wir den Eindruck, unser Partner würde sich uns entziehen, uns aus seinem Leben ausschließen, bekommen wir Angst, vielleicht sogar Panik und dann reagieren wir mit einem – sehr überschaubaren – evolutionärem Repertoire an Verhaltensweisen: Angriff, Flucht oder Schockstarre. Und zwar VOR einer Analyse von Fakten und Erfahrungen, instinktiv, könnte man sagen.

Verstärkt wird der Eindruck, wenn die Situation und das Umfeld bereits Sorgen bereitet und Angst macht. Und genau diese Situation haben wir jetzt. Nun ist bereits jeder auf Alarmbereitschaft, hört noch genauer hin, alle Gedanken bereiten den Körper auf etwas Schlimmes und Bedrohliches vor. Vielleicht ticken die Partner hier auch nicht gleich und einer fühlt sich mit seinen Sorgen nicht gehört und alleingelassen, dann ist der automatisch in einem Modus von Forderung – was den anderen mit größter Wahrscheinlichkeit in den Fluchtmodus treibt. Jetzt sind Paare und Familien nun auf engem Raum zusammen und mehr oder minder eingeschlossen. Nicht umsonst warnen Experten vor einer Zunahme von häuslicher Gewalt.

Denkt daran: Investiert nicht unnötige Energie in Probleme, die ihr nicht lösen könnt, geht an die kleinen Herausforderungen jetzt jeden Tag ran, seid ein Team, ihr hat euch zusammengetan, weil das Leben in Krisenzeiten gemeinsam einfacher zu bewältigen ist. Seid füreinander da und nicht gegeneinander. Es könnte noch viel schlimmer kommen als mit dem Lieblingsmenschen eingeschlossen zu sein. Macht das Beste daraus und unterstützt euch und nehmt eure Ängste ernst! Die Modern Love School hilft euch mit unseren Online Kursen für Paare.

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Konkrete Tipps für Paare in der Corona Krise

Nehmt eure Ängste ernst

Beschwichtigt nicht die Sorgen eures Partners. Mit einer solch abgewandten Kommunikation setzt ihr nur die oben beschriebene Dynamik in Gang. Haltet eure Ängste aus und stützt einander. Denkt daran, ihr habt euch als Paar zusammengetan, damit ihr in schwierigen Zeiten einander beistehen könnt. Diese Zeit ist jetzt da. Und sie wird vorüber gehen. Bewahrt euch eure Hoffnung und eure Träume!

Schafft Freiräume

Nicht jede Wohnung ist geplant worden für einen oder womöglich zwei Homeoffice-Arbeitsplätze. Seid kreativ, wenn ihr Raum zum Arbeiten schaffen müsst. Schafft euch eine oder zwei Ecken, die ihr sonst im Alltag nicht benötigt, damit ihr nicht permanent einen Arbeitsplatz umräumen müsst.

Definiert Ruhezeiten

Jeder benötigt Zeit für sich. Ungestört. Wer Homeoffice macht, sitzt sowieso nicht den ganzen auf Abruf für Beziehungsgespräche, Hausarbeit oder Einkäufe. Definiert, ganz besonders wenn die Arbeit zuhause für euch neu ist, Zeiten, in denen ihr nicht gestört werden dürft. Das gilt auch, wenn ihr für den Partner möglicherweise gerade „nichts“ tut.

Chancen erkennen und nutzen

Frühstückt wieder gemeinsam, esst zusammen zu Mittag … Nutzt die Möglichkeiten, die sich euch bieten. Vielleicht geht ihr gemeinsam Joggen, nachdem ihr den Rechner ausgemacht und „das Büro verlassen“ habt. Das gehört sowieso dazu: die feste Zeit, zu der Feierabend gemacht wird!

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