Was macht Corona mit der Liebe?

Von Birgit Ehrenberg

Ist die Liebe stärker oder der Corona Virus? Wie verändert der Virus unsere Partnerschaften? Wie kräftigen Paare jetzt ihre Liebe, das Immunsystem ihrer Beziehung? Philosophin und Liebesforscherin Birgit Ehrenberg geht für die Modern Love School der Frage nach, wie Paare jetzt ihre Lieben und ihre Bindung, das Immunsystem ihrer Beziehung, kräftigen können.

Inhaltsübersicht

Corona zwingt zur Ruhe, aber der Mensch ist unruhig

„Ich habe häufig gesagt, dass das ganze Unglück der Menschen aus einem einzigen Umstand herrühre, nämlich dass sie nicht ruhig in einem Zimmer bleiben können.“

Blaise Pascal (1623 bis 1662 )

Im Umkehrschluss läge das ganze Glück der Menschen demnach darin, dass sie sich ruhig in einem Zimmer aufhalten. Das ist exakt die Lebensform, von der frisch verliebte Paare träumen und die sie in die Tat umsetzen, soweit es mit ihrem Beruf und anderen Aufgaben zu verbinden ist. Verliebte sind sich selbst genug und das auch gern auf sechs Quadratmetern. Man hört sie kaum. Sie küssen sich stundenlang, sie flüstern, sie seufzen, sie lachen leise. Das Tor zur Welt ist jeweils der andere, mehr noch, das Gegenüber bedeutet einem die Welt, Unzertrennlichkeit erscheint als Ideal, man kann nicht genug voneinander kriegen.

Diesem Ausnahmezustand folgt quasi gesetzmäßig eine Rückführung an die Realität, die Beziehung öffnet sich für die Welt. Die Verliebtheit wandelt sich, sie nimmt an alles verzehrender Leidenschaft ab und gewinnt dadurch an Bodenständigkeit und Stabilität, was ebenfalls sehr erregend sein kann. Aus Verliebtheit wird Dauer, das heißt: Es ist Liebe entstanden. Auf diese Weise bestimmt der Philosoph Alain Badiou in seinem Buch „Lob der Liebe“ die Liebe: Sie macht aus dem Augenblick eine Dauer.

Die Dauer der Liebe wird zu Herrlichkeit. Man entdeckt gemeinsam die Welt noch einmal neu, man begegnet der Familie und den Freunden des Partners oder der Partnerin, man feiert mit ihnen Feste. Man bemerkt, dass der andere oder die andere ab und zu schnarcht und morgens gelegentlich Mundgeruch und schlechte Laune hat. Den Samstag verbringt man nicht mehr im Bett, sondern beim Möbelkauf.

In der Liebe erscheint Unzertrennlichkeit als Ideal: das Paar kann nicht genug voneinander kriegen

Aus der Harmonie der Gegenwart entwickelt sich die Idee, für immer zusammen zu bleiben. Aus dem emotionalen Zuhause entsteht der Mut, den Rest des Lebens als Paar zu entwerfen: Hochzeit, Kinder, ein Haus bauen? Die Zweisamkeit taucht ein in die Vielheit der Gesellschaft, wird in der Ehe sichtbar und manifest und wird mit den Kindern produktiv für die Gemeinschaft, die von den Kindern profitiert.

Auch Liebe kann Langeweile erzeugen

Je länger die Dauer der Liebe dauert, desto mehr wird einem manchmal etwas langweilig. Das schleicht sich ein. Plötzlich ahnt man wieder, dass Freiheit als Seins-Modus existiert, dass Freiheit eine eigene Schönheit im Gepäck hat, und dass die Liebe durchaus ein Kind der Freiheit ist. Sie braucht Luft. Man handelt in der Beziehung ein eigenes Terrain aus, das geht oft nicht ohne Konflikte, man ist heilfroh, wenn man das alles geregelt hat mit dem Ich sein und dem Du sein und dem Wir sein.

Nach allen Regelungen im Umgang mit der Liebe, nach dem Genuss neuer Freiheiten, einfach mal wieder etwas allein planen und unternehmen, geschieht es dann wie in einer Art Natur-Prozess, dass ein Paar sich über zu wenig Zeit beklagt, unabhängig davon, ob es Kinder hat oder nicht. Wobei Paare mit Kindern noch mehr um Zeit ringen, Zeit für sich, Zeit zu zweit, Zeit als Familie.

Keine Zeit, keine Zeit, wir haben einfach keine Zeit, das ist die wehmütige Klage, die man von Einzelpaaren und von Familien hört.

Aber jetzt.

Jetzt ist Liebe in den Zeiten von Corona, und jetzt werden alle Uhren neu gestellt. Wir haben Zeit. Das ganze Leben verlangsamt sich, auch die Liebe. Keine Treffen zum Essen, weder zu Hause noch im Restaurant, keine Aktivitäten außerhalb der Wohnung. Selbst die Arbeit ist nach Hause verlegt, Home Office.

So viel Zeit plötzlich, wo früher niemals Zeit blieb

Das Paar ist plötzlich auf sich zurückgeworfen. Die Liebe ist eingeschlossen in ein Zimmer, selbst wenn es drei Zimmer sind. Was macht das mit der Liebe, mit dem Ich und mit dem Du und mit dem Wir? Ist die Stille gedeihlich für die Liebe oder kristallisiert sich scharf das Übel heraus, dass man im Getöse der alltäglichen Umtriebigkeit, die normalerweise herrscht,  verdrängt hat?

Ich nehme den Corona-Virus sehr ernst. Ich bin sicher, er verändert die Welt, erst zum wirklich viel Schlimmeren, später vielleicht zum wirklich viel Besseren. Ich bin sicher, der Virus wird die Welt der Liebenden verändern. Da fängt die Veränderung an: Bei den Liebenden.

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Die göttliche Vision: Dass es wieder Liebe werde.

Wenn wir der Liebe philosophisch auf den Grund gehen, ist sie im Kern Erkenntnis. Ich erkenne mich im anderen und er sich in mir. Und beide erkennen dabei sich selbst. Wir sind rund. Jeder für sich und zu zweit. Ein Kugelwesen, wie Platon die Stimmigkeit eines Liebespaars in ein Bild gefasst hat. Diese Stimmigkeit verliert sich oft, wenn die Beziehung in die Jahre gekommen ist.

In dieser gesellschaftlichen Zwangs-Pause durch Corona bekommen wir die Chance, den anderen wieder in den Blick zu nehmen, ihn zu fragen und zu hören. Sind wir noch rund? Stimmen wir? Wer bist Du? Ich kenne Dich jetzt 15 Jahre, ich frage besser: Wer bist du geworden? Wer bin ich geworden? Was ist aus uns geworden?

Das von allen Paartherapeuten beschworene gute alte tägliche „Was hat dich heute beschäftigt?“-Gespräch, das unzählige Paare in erster Linie aus Zeitnot ausfallen lassen, hat Hoch-Konjunktur. Und hier noch mehr Tipps, um den Beziehungs-Kollaps in Corona-Zeiten zu vermeiden. Es darf wieder um existenzielle Lebensfragen gehen, bist du damit zufrieden, wie wir leben, sind alle Träume wahr geworden, wollen wir uns einmal wieder an unsere Anfänge erinnern?

Es ist Zeit für einen reinen Tisch. Hast du Angst vor dem Virus, hast du Angst vor dem Tod? Hilft es dir, dass ich da bin? Ist dir die Familie Halt, wie wir es uns vorgestellt haben als wir eine Familie gründeten? Was ist, wenn einer von uns krank wird? Werde ich Angst vor dir haben, dass Du mich ansteckst? Hast du Vertrauen, dass wir das hinkriegen? Was brauchst du? Was ist der Sinn deines Lebens? Was ist meiner? Was ist unser gemeinsamer Sinn? Lieben wir uns bis zum Tod?

Geliebt wird jetzt und hier – auch in Corona-Zeiten

Wie wollen wir leben, wenn der Virus wieder weg ist? Was nehmen wir mit? Müssen wir uns den Buckel krumm arbeiten, um uns dem Götzen Konsum zu opfern?

Müssen wir drei Mal im Jahr in den Urlaub fliegen und die Umwelt belasten und damit auch uns? Ist nicht auch ohne Corona „genügend Raum in der kleinsten Hütte für ein liebend Paar?“

Die Liebe muss jetzt neu erfunden werden

Das entspricht den Anforderungen, die die wahre Liebe stellt. Sie war und ist eine Kunst, sie wird es bleiben. Sie ist ein Denken und ein Lernen. Der grandiose Denker Erich Fromm hat diese Botschaft in seinem Buch „Die Kunst des Liebens“ für alle Zeiten in Stein gemeißelt. Es geht nicht „nur“ um die Liebe eines Paares, es geht überdies ganz entschieden darum, dass ein Mensch erst dann einen anderen lieben kann, der sich selbst liebt. Die Selbstliebe kommt in der Rushhour des Betriebs „Leben“ meistens zu kurz. Wer sich selbst vergisst, vergisst aber auch den anderen.

Wenn die Liebe wieder in einem Zimmer stattfindet, wenn die Welt draußen bleibt, dient dieser Raum einem allein und dem Paar.

Alles an Liebe ist möglich.

Liebe ist die Bühne der Zwei, sagt Badiou. Das Spiel kann beginnen.

Es wieder Zeit für den Augenblick. Wir haben die Wahl, ob wir mit der Zeit verschwenderisch umgehen, gute Wahl – oder ob wir vor allem den Moment genießen, auch gute Wahl. Am besten ist beides zusammen.

„Carpe diem“ (lat. „fange den Tag, das heißt „genieße den Tag“) – das ist doch die allerfröhlichste philosophische Botschaft für Liebende.

Und: „Memento mori“ – bedenke, dass Du sterben musst.

Diese Wahrheiten werden uns jetzt von Corona in den Schoß gelegt, sie haben sich mächtig vor uns aufgebaut, sie drängen sich auf. Dabei wussten wir es eigentlich schon immer, wir waren allerdings zu hektisch, um sich dem Wissen zu widmen, es anzuwenden.

Leben und Lieben hat eine irdische Grenze und ist von daher unendlich kostbar.

Gelebt und geliebt wird jetzt.

Das zu verstehen, dafür ist in diesen Monaten Zeit und Raum. Darin liegt das Glück der Liebenden – und ihre Zukunft. Und nicht allein das Glück und die Zukunft der Paare, es geht um uns alle.