Single Sein beenden

Von Birgit Ehrenberg

Du bist ein soziales Wesen, du brauchst Nähe, Wärme und Bindung

Immer mehr Singles, gefühlt versingelt unsere Gesellschaft zunehmend. Warum finden sich diese vielen Partnersuchenden eigentlich nicht? Scheitert es an Gelegenheiten – oder liegt das Problem an anderer Stelle?

Inhaltsübersicht

Etwa 17 Millionen Singles leben in Deutschland. Von denen sehnen sich über 80 Prozent nach der großen Liebe. Das ist doch eigentlich verrückt, dass unzählige Frauen und Männer etwas unbedingt möchten und sich dieser Wunsch partout nicht erfüllt. Was ist da los?

Früher war das irgendwie anders, denkt man, früher waren doch nicht so viele Leute allein, die nicht allein sein wollten. Man erinnert sich an seine Kindheit, an eine unverheiratete Tante mit verkniffenem Mund, „alte Jungfer“ nannte man sie hinter vorgehaltener Hand, sie wurde zu Weihnachten eingeladen, weil sie niemanden hatte. Oder der verschrobene Onkel kommt einen in den Sinn, ein verklemmter Junggeselle mit dicker Brille, der rot wurde, wenn er eine Frau nur sah.

Kein Glück in der Liebe, unerfüllte Liebe, Trennung, Liebeskummer jedweder Couleur, das gab es schon immer, aber dass derart viele Menschen allein leben, die zu zweit sein möchten, das ist mehr oder weniger neu und kurios.

Zu mir hat einmal eine Frau, die seit langer Zeit unfreiwillig Single ist, gesagt, dass sie es kaum ertragen kann, wenn andere Menschen ihr Liebesglück finden, dass es sie die allergrößte Überwindung kostet, die Hochzeiten von Freunden zu besuchen und ihnen ihre Seligkeit zu gönnen. „Ich glaube, die Welt löst sich in Paare auf“, hat sie mir verzweifelt anvertraut. „Ich will auch! Ich will Teil eines Paares sein!“

Jeder Mensch braucht Liebe

Ich kann die Verzweiflung verstehen, die dieser Frau und die der anderen Verzweifelten, denn falsch liegen all jene, die sich unbedingt binden wollen, mit ihrer Sehnsucht nicht. Sie machen sich nichts vor, sie liegen richtig. Sie beweisen damit ein untrügliches Gespür dafür, was wirklich wichtig ist im Leben.

In der Tat ist es die Liebe, die existenziell dazu beiträgt, dass ein Leben ein gutes Leben ist. Der Spruch aus der Bibel, der Mensch möge nicht allein sein, der stimmt. Der Mensch ist ein soziales Wesen, das ist seine Natur, sein Wesen, er braucht Nähe, Wärme, Bindung. Er erkennt sich in seinem Gegenüber, es fungiert wie ein Spiegel. Man sagt, Babys erfahren sich selbst durch den liebevollen Blick der Mutter, sie entwickeln ihr eigenes Ich erst durch die Begegnung mit einem liebenden Du, ein beglückendes Gefühl der Einheit, das man auch als Erwachsener sucht.

Der Philosoph Platon hat dieses Verlangen im Bild von den zwei Hälften gefasst, die ehedem eins waren, ein Kugelmensch, gleichermaßen weiblich und männlich, bis der wütende Zeus dieses in sich einsseiende und stimmige Wesen zerspaltete. Seither irren die beiden Hälften umher und wollen wieder miteinander verschmelzen. Wenn sie einander begegnen, nennt man es die wahre Liebe, eine schöne Vorstellung, eine romantische, eine verführerische. Sie verleiht jedem Einzelnen von uns schon bevor wir finden und gefunden werden, eine kostbare Exklusivität.

Den einen oder die eine gibt es nicht

Doch die hehre Idee, dass es nur einen einzigen Menschen gibt, den wir lieben können, den wir lieben, der uns liebt, mit dem wir alt werden und glücklich sind und bleiben, das ist eine gefährliche Idee. Sie boykottiert unsere Suche nach einer Partnerschaft, sie ist eher Handicap als Hilfe, sie nagelt uns fest, sie nagelt uns meiner Auffassung nach zu sehr fest.

Wir rennen mit dem Bild des Menschen, den wir für unseren Idealmenschen halten, herum, wir sind fokussiert auf bestimmte Eigenschaften, uns schränkt ein Tunnelblick kolossal ein. Wenn die gewünschten Eigenschaften fehlen, verlieben wir uns nicht, wir schauen uns einen potentiellen Partner oder eine potentielle Partnerin gar nicht genauer an, sondern marschieren stramm weiter – und damit gewiss manchmal an der Liebe vorbei.

Es setzt einen eben enorm unter Druck, davon auszugehen, dass es „the one and only“ gibt – und zwar nur den einen oder die eine, keine Alternative, keine Kompromisse. Wer davon überzeugt ist, dass irgendwo die Auserwählte oder der Auserwählte wartet, der hat keine Zeit zu verlieren, er muss die Nadel im Heuhaufen suchen, die große Liebe ist dann wie der Sechser im Lotto. Und das bei der Qual der Wahl, wir haben heute die Freiheit, uns auszuprobieren im Gegensatz zu den Gepflogenheiten in Jahrhunderten, die von strenger Moral geprägt waren. Es droht in unserer liberalen Epoche die Gefahr, im Rausch des Suchens wiederholt an den Falschen zu geraten, jeder Falsche oder jede Falsche entfernt einen von dem Ziel, seinem Seelenverwandten zu begegnen, mit ihm zur Kugel zu werden.
Wer so absolut über die Liebe denkt, bei dem geht es bei der Partnersuche fast um Leben und Tod, man muss hinter der Liebe her sein, wie der Teufel hinter der armen Seele, um die klitzekleine Nadel zu finden.

Die Liebe macht das Passen, nicht die Passung die Liebe

Immer im Gepäck bei dieser hektischen Reise: Eine innere Checkliste, welche Eigenschaften zwingend vorhanden sein müssen bei den Leuten, die einem über den Weg laufen – und welche Eigenschaften ein Ausschlusskriterium bedeuten. Nach dieser strengen Methode ähneln Kennenlern-Gespräche beim Online-Dating einem Vorstellungsgespräch. Der pure Stress.

Nehmen wir all die erfolgreichen Frauen heutzutage, die scheinbar keinen passenden Gefährten finden. Akademikerinnen möchten eben einen Akademiker an ihrer Seite. Nach „unten heiraten“, das ist trotz aller Emanzipation die Ausnahme. Die Crux: Es gibt leider immer weniger männliche Akademiker. So wird die Partnersuche auf akademischer Augenhöhe schwierig, wenn die Frauen nicht schon an der Uni jemanden gefunden haben, mit dem sie eine feste Beziehung führen, die ihnen eine realistische Option auf eine Familie eröffnet. Im Studentenalter aber wollen sich viele Männer noch nicht verbindlich binden, weil sie sich dem althergebrachten Anspruch verpflichtet fühlen, erst in der Lage sein zu wollen, eine Familie ernähren zu können. Und vielleicht möchten sie auch erst einmal einfach nur Spaß haben. So passt es vorne und hinten nicht, als wenn es ausschließlich um das Passen ginge in der Liebe. Eines der harmonischsten Paare, das ich kenne, „besteht“ aus einer Psychologin und einem Umzugshelfer.

Liebe ist nicht, so sagen die Philosophen, jemanden zu lieben, weil er perfekt ist, sondern er ist perfekt, weil wir ihn lieben. Die Liebe macht das Passen, nicht die Passung die Liebe. Das ist der große Unterschied. Aus diesem entspringt ein Teil unserer Aufgabe beim Suchen der Liebe. Zunächst sind wir gefordert, wir müssen uns an unsere eigene Nase fassen, wir müssen in die emotionale Vorlage gehen, wir müssen selbst offen sein, wir müssen den Anfang machen mit dem Lieben – und dann den Blick über den Tellerrand heben und prüfen, wie es mit der Gegenliebe aussieht.

Wer liebt, kriegt irgendwann auch etwas zurück

Meistens läuft es andersrum ab, Menschen sind vor allem darauf aus, geliebt zu werden, das ist ein sehr nachvollziehbares Bedürfnis, ohne Frage, aber es funktioniert mit dem Geliebtwerden nie, wenn man nicht bereit ist, sein Herz munter auf die Waagschale zu werfen, ohne zu messen, was auf der anderen Seite der Waage liegt. Diese reife Liebesfähigkeit ist einem selten in die Wiege gelegt, man kann sie erlernen. Wer „Die Kunst des Liebens“ von Erich Fromm immer noch nicht gelesen hat, sollte es endlich tun. Es lehrt einen diese Fähigkeit.

Die meisten anderen Liebes-Ratgeber zielen darauf, einem Mittel an die Hand zu geben, wie man das Gut der Liebe am besten bekommt, am schnellsten, am effektivsten, wie man rasch und „viel“ geliebt wird.

Dahinter steckt ein zutiefst kapitalistischer Gedanke, den die Soziologin Eva Illouz in ihrem Buch „Gefühle in Zeiten des Kapitalismus“ heftig kritisiert. Man kommt auf diese kalkulierte Weise auf keinen grünen Zweig. Die Liebe läuft einem weg, denn Liebe entzieht sich komplett dem kapitalistischen System, sie ist nicht berechnend, sie fragt nicht nach Soll und Haben, sie ist ihrem Wesen nach Geben, nicht Nehmen.

Das Faszinierende: Niemand, der geben kann und gibt, muss fürchten, dass er auf Dauer zu kurz kommt. Wer selbst liebt, kriegt irgendwann auch etwas zurück. Das ist wie ein Kreislauf.

Die Chronologie der Liebes-Ereignisse ist anders, als die herkömmlichen Ratgeber es suggerieren. Als erstes kommt die innere Haltung, der Wille zum Lieben, dann kommt an zweiter Stelle das Geliebtwerden. Es kommt von allein. Es ist mit keiner raffinierten Marketing-Strategie zu erwerben. Weil das manchmal ein schmerzlicher Weg ist, sich zu trauen, zu lieben, ohne zu wissen, was dabei herumkommt, heißt es, Liebe ist nichts für Feiglinge.

Liebe ist nicht, jemanden zu lieben, weil er perfekt ist, sondern er ist perfekt, weil wir ihn lieben

Wer sich selber nicht mag, stößt selten auf Liebe

Es gibt viele durchaus mutige Menschen, die sich das Lieben nicht (mehr) trauen, weil sie oft verletzt worden sind, weil sie verlassen worden sind und das als Trauma erfahren haben. Jede und jeder sollte in dieser Hinsicht auf sich schauen, gründlich und liebevoll auf sich schauen, ob man sich selbst im Wege steht, was das Lieben angeht. Sich zu kennen, Wunden zu erkennen und das Heilen zuzulassen, sich dabei unterstützen zu lassen, das ist eine wichtige Voraussetzung, lieben zu können und Liebe annehmen zu wollen und zu können.

Stichwort „liebevoll auf sich selbst schauen“: Ein weiteres Pfund, mit dem in der Liebe gewuchert werden soll und kann, ist die Selbstliebe. Die preist Erich Fromm ebenfalls. Er lehrt in seiner „Kunst des Liebens“ auch die Selbstliebe. Das mit Recht.

Es ist eine psychologische Maßgabe: Wer sich nicht mag, wer „Nein“ zu sich sagt, der stößt selten auf Liebe, der trifft meistens auf Menschen, die ihm zeigen, was er selbst für sich fühlt: Ablehnung. Ich gebe allerdings zu bedenken: Es handelt sich hier um eine Maßgabe, um eine Richtung, nicht um ein unumstößliches Gesetz.
Das ist keine Wenn-Dann-Implikation! Es gibt kein Gesetz, das besagt: X liebt sich nicht selbst und findet deshalb nie einen Partner oder eine Partnerin. Rezept: X lernt sich selbst lieben und findet deshalb einen Partner oder eine Partnerin.

Es gibt hier wirklich nur Möglichkeiten, jedoch keine Kausalitäten.

Ich habe Frauen und Männer erlebt, die sich selbst nicht gerade gut finden, um es harmlos auszudrücken, dennoch ist ein anderes liebevolles Menschlein dahergekommen, das sich in diese Miesepeterin oder in diesen Miesepeter unsterblich verliebt hat. Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage.

Liebe ist auf alle Fälle ein Mysterium, manchmal ein Wunder

Im Märchen heiratet der Prinz Aschenputtel, obwohl Aschenputtel sich selbst unattraktiv findet. Der Prinz kommt zu ihr und entdeckt ihre Schönheit, ihren Wert. Aschenputtel muss nichts dafür tun.

Ich finde es sehr entspannend, sich darauf einzugrooven, dass Liebe oft „einfach so“ kommt, dass sie ein Geschick ist, wie die Philosophin Hannah Arendt sagt. Ja, man kann etwas tun, um sie zu finden, ja, man soll sich durchaus nach der Decke strecken, aber auch ja, am Ende hilft die ganze Selbstoptimierung manchmal und manchmal eben nicht. Ein Vergleich: Ich kann mich gesund ernähren und viel Sport treiben und trotzdem sehr krank werden und früh sterben. Es gibt im Leben und vor allem in der Liebe keine Garantien.

Ich habe schon oft Singles, die endlich das große Liebes-Los gezogen haben, gefragt, sag mal, was hast Du dieses Mal anders gemacht? Was meinst Du, warum hat es jetzt endlich geklappt, wo Du doch seit sechs Jahren suchst? Fast immer haben die Singles ratlos die Schultern gezuckt. So punktgenau konnte das keine und keiner erklären, warum es plötzlich flutschte, wo es doch jahrelang gehakt hat.

Ich bin eine Freundin des Volksmundes und postuliere gern dessen Wahrheiten, wie diese: Auf jeden Topf passt ein Deckel, so ist es, auch für Menschen, die sich nicht so sehr selbst lieben, gibt es einen Deckel, einen Glücklichmacher-Deckel. Alles ist drin. Die Sache mit der erfolgreichen Partnersuche ist simpler als man annimmt, wenn man bereit ist, auch mal die Hände in den Schoß zu legen.

Aber, und das ist das Komplizierte: Nicht dauerhaft und ausschließlich, die Mischung aus Passivität und Aktivität macht es. Pi mal Daumen gilt schon für jeden, dass er stetig an sich arbeiten möge, wenn er noch allein ist, und das gilt weiter, wenn er nicht mehr allein ist, das gilt immer, das ist eine Liebes-Regel – und es ist eine Lebensregel. Sich aufgeben, im Negativen verharren, „nur“ passiv sein, das führt zu nichts.

Man muss suchen, ohne zu suchen

Der Trick ist, dass man nicht manisch darauf schielt, dass man sich optimiert und Zack, dann kommt die Liebe. Man muss sich um seiner selbst willen optimieren, man „muss“ das auch nicht, so sollte man es nicht betrachten, man darf das, man kann das. Mit einer Leichtigkeit sollte man an sich selbst herangehen, verspielt, kindlich – und diese Leichtigkeit überträgt sich auf die Partnersuche. Man muss suchen, ohne zu suchen. Das ist der wichtigste Satz dieses Textes.

Der mittelalterliche Mystiker Meister Eckhart empfiehlt für alle Fälle des Lebens die Gelassenheit, und exakt diese ist der fruchtbare Boden, auf dem die Liebe gedeihen kann. Der chinesische Dichter und Denker Tschuang-Tse (365 v. Chr.) hat ein Gedicht mit dem Titel „Die verlorene Perle“ verfasst, dessen Botschaft ist: Suche die Perle nicht! In der Absichtslosigkeit liegt die Perle, dort ist sie zu finden, was für eine weise Aussage, wer sich von ihr leiten lässt, den führt sie früher oder später zum Glück.

Wie sieht eine absichtslose Partnersuche aus? Neugierig sein, entspannt, sich auf Begegnungen einlassen, schnuppern, bereit sein, auf Umwegen durchs Leben zu wandern anstatt zielgerichtet vor sich hin zu preschen, nicht jagen, nicht verkrampft suchen, sondern selbstvergessen sein und sich den Bewegungen und Begegnungen des Lebens hingeben.

Der Witz: Das klappt sogar, wenn ich versuche, „absichtsvoll“ per Online-Dating eine Beziehung anzubahnen. Auch hier kann ich in einem gewissen Sinne „absichtslos“ agieren. Das bedeutet nicht, zu ignorieren, was man sich wünscht.

Wo die Liebe hinfällt

Wenn man dabei deutlich vor Augen hat, dass es regelmäßig geschieht, dass das Wunsch-Bild vom zukünftigen Partner nicht in Stein gemeißelt ist, dass es interessante Varianten gibt und vielleicht mehrere Menschen, mit denen man glücklich werden kann. Platon in allen Ehren, aber vergessen Sie den Kugelmenschen! Es passiert beruhigend häufig, dass eine Frau oder ein Mann eine sehr konkrete Vorstellung von Partner hat – und später ist der Partner, der auf der Bühne des Lebens erscheint, ganz anders. Diese Liebes-Geschichten sind bekannt und prima Lehrstücke, wie Liebe „geht“. Die Geschichten erzählen etwa von einer Frau, die unbedingt einen Mann wollte, der keine weißen Socken trägt, dann verliebt sie sich in einen (und der macht sie richtig glücklich), der eine enorme Schwäche für weiße Socken hat. Oder: Die Story von dem Mann, der mächtig festgelegt ist auf durchtrainierte Körper, dann verliebt er sich in einen Menschen mit einem entzückenden kleinen Bauch, die oder der Sport hasst (und die Dame oder der Herr macht ihn richtig glücklich).

Man kann das unerklärliche Phänomen, warum so viele Frauen und Männer allein sind, obwohl sie nicht allein sein wollen, nicht abschließend erklären, so viel steht fest. Doch vielleicht ist die Abkehr vom dem Drang oder fast schon Zwang, das Phänomen erklären zu müssen, die Lösung. Einfach leben, ohne zwingend auf etwas aus zu sein – und dabei die Perle der Liebe finden.