Plötzlicher Kontaktabbruch: Wurdest du geghostet?

Von Eric Hegmann

Er oder sie meldet sich nicht mehr. Plötzlicher Kontaktabbruch, Ghosting – die Angst vor Konfrontation und Unverbindlichkeit machen Dating und Partnersuche für eine Generation zu einer qualvollen und oft auch traumatisch erlebten Erfahrung.

Inhaltsübersicht

 

Was ist Ghosting?

Dein Partner oder ein Kontakt verschwindet ohne Erklärung – wie ein Geist: Das bedeutet der Begriff Ghosting. Plötzlicher Kontaktabbruch oder Funkstille gab es bereits vor Online Dating und Internet, aber die unverbindliche Kommunikation der heutigen Zeit scheint Ghosting zu einem immer häufigeren Phänomen zu machen, vermuten Experten wie die mehrfach mit Preisen ausgezeichnete TV Journalistin und Buchautorin Tina Soliman, die 2011 mit dem Buch „Funkstille“ und 2019 mit dem Nachfolger „Ghosting“ zwei Bestseller zum plötzlichen Kontaktabbruch geschrieben hat. „Findet eine Begegnung ihren Anfang auf einer Dating-Plattform, ist es viel wahrscheinlicher, geghostet zu werden oder abzutauchen“, schreibt Tina Soliman.

Kontaktabbruch schickt eine eindeutige Botschaft

Es braucht heute nur wenig Mut, um Kontakte zu knüpfen, denn alle Dating-Apps versuchen, es dem Single so leicht wie möglich zu machen. Die Partnervorschläge sind ausgewählt und signalisieren: mit diesem Menschen ist eine Beziehung möglich. Außerdem ist die Gefahr minimiert, sich einen Korb zu holen: Tinder matcht nur Personen, die sich gegenseitig attraktiv finden. Partnersuche Online scheint so erheblich sicherer als ein Flirt in der Bar.

Ghosting: Eine ganze Generation pflegt mittlerweile den plötzlichen Kontaktabbruch

Doch wer nie Frustration erlebt, der lernt auch nicht mit Rückschlägen umzugehen und vermeidet Konfrontation. Eine denkbar schlimme Konfrontation ist eine Zurückweisung. Für den Zurückgewiesenen sowieso, jedoch auch für den, der zurückweist. Kaum jemand möchte nämlich jemanden zurückweisen und ganz sicher möchte er sich nicht dessen Reaktion auf die Zurückweisung aussetzen. Die Folge: eine ganze Generation pflegt mittlerweile den plötzlichen Kontaktabbruch. Stichwort: Ghosting.

Wenn ihnen die Realität Angst bereitet, dann flüchten viele Menschen in Fantasiewelten und vermeiden so den Stress der Wirklichkeit. Das Internet ist ein Zufluchtsort geworden, in dem man gleichzeitig Kontakt halten kann mit einer Person – obwohl man sie im wahren Leben meidet. Aus diesem Widerspruch entwickeln sich Verhaltensweisen wie Benching: Eigentlich ist klar, dass die auf die Bank geschobene Person kein passender Beziehungskandidat ist, aber es ist ja nicht aufwändig, rasch ein paar Bilder und Postings zu liken und immer wieder zu versprechen: „Wir müssen uns unbedingt wieder treffen!“

Ein erstes Date ist nur da, um herauszufinden, ob es ein zweites Date geben wird. Deshalb ist auch ein über lange Zeit und mit vielen Textnachrichten geplanten Treffen kein Versprechen. Freiheit ist okay, aber auch Unverbindlichkeit? Kurzfristige Absagen, nicht eingehaltene Ankündigungen oder das sich offen lassen konkreter Zusagen: „Mal sehen, lass uns dann texten …“ Verhaltensweisen wie Benching oder Ghosting lösen das Bindemittel auf, das soziale Kontakte zusammenhält: Vertrauenswürdigkeit. Niemand kann jemandem vertrauen, der nicht vertrauenswürdig auftritt. Und ohne Vertrauen kann keine Beziehung entstehen.

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Eine schlechte Erfahrung nach der anderen

Als Chefredakteur des Online Magazins beziehungsweise erhalte ich täglich Texte von unseren Lesern, in denen sie über ihr Liebesleben erzählen, vom Kennenlernen, vom Verlieben, von der Hochzeit – aber auch vom Ghosting, von Beziehungsproblemen, von einer Trennung … Unsere Leser sind überwiegend 20 bis 30 Jahre alt. Von 100 Beiträgen sind gewiss 90 irgendwo im Bereich Verlustangst zu verorten. Also Erzählungen, wie man sich vergeblich um Liebe und Anerkennung bemüht hat von Kandidaten, die unverbindlich waren oder sich selbst „beziehungsunfähig“ bezeichnetet. Und sehr viele Erzählungen von Kontakten, die sich ohne Erklärung plötzlich nicht mehr meldeten und nicht mehr erreichbar waren: Ghosting – verschwinden wie ein Geist.

Ein Beispiel: eine Dame hatte über ein Jahr lang Briefe und Mails an einen Kontakt geschickt und nach einer ersten Antwort nie wieder eine Nachricht erhalten. In einem Wutbrief beklagte sie das unmögliche Verhalten ihres Schwarms. Ist das nun Ghosting – oder kam seine Botschaft bei ihr einfach nicht an, dass er kein Interesse hatte? Ist man verpflichtet, auf jeden Versuch der Kontaktaufnahme einzugehen? Womöglich mit einer detaillierten Erklärung, weshalb man den Kontakt nicht vertiefen möchte? Was ist Feigheit und was ist – überzogene– Erwartungshaltung? Und entsteht so vielleicht gerade erst der Eindruck, dass man sich auf niemanden verlassen kann, dass man trotz aller Liebesschwüre von einem Moment auf den anderen sitzen gelassen werden kann?

Generation Ghosting: Kontaktabbruch als wiederkehrende Konstante

Wenn die Generation Kontaktabbruch für ein Phänomen steht, dann ist es Ghosting. Verlassen werden trifft immer mitten ins Herz. Ghosting verstärkt die Verletzung, denn es sind ja vor allem die Situationen, in denen Menschen sich hilflos und ohnmächtig fühlen, die besonders schmerzhaft wahrgenommen werden. Beim Ghosting kann ich nichts mehr tun, nichts mehr retten, nichts mehr sagen – alle meine gelernten Konfliktstrategien laufen ins Leere: der Partner ist nicht mehr erreichbar.

Man wartet und hofft auf eine Erklärung. Man grübelt und verfällt in depressive Phasen. Denn das Ungeklärte beschäftigt uns ganz besonders. Das menschliche Gehirn ist neugierig und kann es nicht gut ab, wenn es keine Antwort auf seine Fragen erhält. Deshalb wünschen sich Verlassene so dringlich eine Erklärung und einen Trennungsgrund – selbst wenn der schmerzhaft wäre, die Ungewissheit fühlt sich schmerzhafter an. Wer geghostet wird, fühlt sich wie ausgelöscht, weil er mit seinen Kontaktversuchen ins Leere läuft. Das hat fatale Auswirkungen, denn Ghosting kann traumatisch erlebt werden. Stammesgeschichtlich war Verlassenwerden ein sicheres Todesurteil. Das prägt uns heute noch. Liebeskummer wird häufig belächelt, dabei kann man am „Broken Heart“-Syndrom tatsächlich sterben. Ich habe Klienten, die berichten von typischen Symptomen einer Posttraumatischen Belastung: Gewichtsverlust, Schwindel, körperliche Schmerzen, Appetit- und Schlaflosigkeit. Beim Ghosting kommen Ausgeliefertsein und Trennung zusammen.

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Plötzlicher Kontaktabbruch in der Kennenlernphase

Welche Gründe haben Menschen für einen plötzlichen Abbruch des Kontaktes – ohne Erklärung? Wer ghostet ohne Erklärung, der will sich nahezu immer schützen vor der Reaktion des Verlassenen. Das ist in den meisten Fällen sicher ein Stück weit Feigheit. Aber manchmal auch Selbstschutz. Ich kenne durchaus Fälle von Ghosting, bei denen nur der Verlassene das Gefühl hatte, eine Beziehung zu führen – der andere Partner war überzeugt, ganz deutlich gemacht zu habe, dass er kein Interesse hat. In anderen Fällen allerdings war der Kontakt – nach Aussagen des Ghosters – es einfach „nicht wert“, sich auch nur einen Moment länger mit ihm zu beschäftigen. Was auch immer jemanden dazu verleiten mag, einen anderen Menschen als so wertlos wahrzunehmen.

Viele Betroffene erleben Ghosting als traumatisch

Viele Betroffe von Ghosting berichten: „Es gab keinen Streit, nichts. Ich habe ihn/sie auch nicht unter Druck gesetzt. Wenn überhaupt, kamen die Gefühle von seiner/ihrer Seite!“ Diesem Szenario ist vermutlich eine Situation vorangegangen, die beim Ghoster starke Bindungsangst ausgelöst hat. Ein Klient hatte beispielsweise seine Partnerin ohne Ankündigung verlassen, nachdem er sie seinen Eltern vorgestellt hatte und die von ihr regelrecht begeistert waren. Die Zustimmung zur Partnerwahl hat dann seinen Fluchtimpuls ausgelöst. Seine Partnerin hat nie wirklich verstanden, was da passiert war, weil sie doch den Besuch bei den Eltern als Vertrauensbeweis und Zeichen von Verbindlichkeit gewertet hat. Und genau das war ihm aber dann zu viel Nähe und er hatte aus Furcht, seine Autonomie und Selbstkontrolle zu verlieren, die Schutzstrategie Ghosting gewählt.

Plötzlicher Kontaktabbruch ist ein deutliches Signal. Allerdings eines, das auch provozieren kann. Beispielsweise den sogenannten „Jagdtrieb“, den wohl jeder kennt. Denn wer schwer erreichbar scheint, wirkt nur noch begehrenswerter. Allerdings ist das kein Konzept von Liebe auf Augenhöhe. Warum so viele Menschen nicht einfach sich umdrehen und gehen und sagen: „Ich bin es mir wert, dir nicht hinterherzurennen“, hat auch mit den medialen Information zu tun, die ich die „Disneyfizierung der Liebe“ nenne. Die sagt nämlich, wenn ich mir richtig viel Mühe gebe, dann wird am Ende eine Love Story draus. So selbstbewusst auch heute „Die Schöne“ aus „Die Schöne und das Biest“ inszeniert wird, am Ende ist die Botschaft doch: Gib dir Mühe, dann wird aus dem Biest ein Prinz. Ob das eine Botschaft ist, die für junge Frauen wirklich gut ist, bezweifle ich stark, denn letztlich legitimiert sie extrem ängstliches Bindungsverhalten, das auf extrem vermeidendes Bindungsverhalten trifft und stilisiert diese Dynamik auch noch zu etwas besonders Wertvollem. Welche Auswirkungen das hat, zeigt sich in dem Trend der Dualseelen, der Platons alte Idee der von bösartigen Göttern geteilten Kugelmenschen als Grundlage nimmt, um Forderung und Rückzug esoterisch aufzuladen und letztlich Menschen in eine sehr unglückliche Dynamik treibt.

Jeder hat das Recht, eine Beziehung abzubrechen, wenn sie nicht mehr funktioniert. Doch das rechtfertigt nicht jede Art und Weise. Gerade weil die Folgen für den Verlassenen so traumatisch sein können. Wenn ich in der Beziehung eine Grenzverletzung erlebe, dann spreche ich die an und wenn der Partner diese Grenzen nicht akzeptiert, dann verhandle ich die Konsequenzen.

Trennung ist wie Liebe ist eine Entscheidung und beide erfordern Mut

Ich wurde schon häufig belächelt über meinen Rat für Partnersuchende: Sei selbst die freundliche, liebenswürdige und offene Person, die du dir als Partner wünschst. Und genauso gilt für eine Trennung: Trenn dich so, wie du es dir im umgekehrten Fall wünschen würdest. „Das sei doch selbstverständlich“, höre ich oft. „Das ist kein Rat, das ist normal.“ Würde er nur befolgt, denke ich mir dann. Die Welt wäre ein schönerer Ort und es würden sich von den fast 17 Millionen Singles in Deutschland ganz sicher mehr finden – und zusammenbleiben, um es miteinander zu probieren. Nur wenn Vertrauen belohnt wird, kann sich Zuversicht einstellen. Denn nur in einem Klima, in dem Mut honoriert wird, findet Feigheit seltener statt.

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Quellen: Tina Soliman: „Ghosting“ Klett Cotta, Eric Hegmann: „Beziehungsweise“ Droemer, Eva Illouz: „Warum Liebe endet“ Suhrkamp, Elena-Katharina Sohn: „Schluss mit Kummer, Liebes!“ Ullstein