Es ist Schluß! Verlassen werden, plötzlich und unerwartet

Von Birgit Ehrenberg

Schluß gemacht wird heute immer häufiger ohne Ankündigung. Warum verschwinden Personen ohne Erklärung plötzlich aus einem Leben, in dem sie sich kurz zuvor noch um einen Platz im Herzen beworben haben? Die Modern Love School-Liebesforscherin und Philosophin Birgit Ehrenberg untersucht das Phänomen.

Inhaltsübersicht

Wenn Menschen aufeinandertreffen, die so verlassen wurden, kommen sie aus dem Erzählen nicht mehr raus, sie halten sich aneinander fest wie Ertrinkende, so traumatisierend ist das, was sie erlebt haben: das plötzliche, unerwartete Schluß machen und Verschwinden ohne Angabe von Gründen, Schweigen im Walde, keine Funkpause, sondern Funkstille. Für immer.

Selbsthilfegruppe für Verlassene

Kommen Frauen und Männer mit dieser Erfahrung zusammen, bildet sich von jetzt auf gleich eine Art Selbsthilfegruppe. Die Fragen überschlagen sich, kannst du dir vorstellen, warum sich x oder y nicht mehr gemeldet hat, ist irgendetwas vorgefallen zwischen euch, hattet ihr Streit, hast du versucht, x oder y zu erreichen, wie oft, wann hast du es aufgegeben? Wie wirst du damit fertig, dass du quasi ins Schweigen gestoßen worden bist, redest du darüber oder schämst du dich, weil du denkst, du könntest doch selbst daran schuld sein, dass jemand sich auf diese Weise aus dem Staub gemacht hat? Hast du Angst, dass du das gar verdient hast? Kennst du die Momente, in denen du sicher bist, dass du dich abgefunden hast, in denen du aufatmest, und dann trinkst du ein Glas Wein zu viel, wirst sentimental und schickst wieder eine Nachricht an den Verlorenen oder an die Verlorene und schämst dich vor dir selbst, dass du erneut in den Staub gekrochen bist? Drehst du durch, wenn Freunde es gut mit dir meinen und anteilnehmend von dir wissen wollen, ob sich die Person, die abgetaucht ist, vielleicht doch noch gemeldet hat, die Hoffnung stirbt zuletzt, und mit diesem Ausdruck von Empathie deine Wunde, die sich gerade schließt, wieder aufreißt, das gebrochene Herz nicht heilen kann?

Ich kann mit all diesen Fragen ohne Antworten etwas anfangen. Denn: Mir ist Ghosting widerfahren. „Widerfahren“, das Wort passt, denn es ruft die Vorstellung hervor, dass etwas mit einem geschieht, so dass man sich komplett ohnmächtig gegenüber dieser Abwehr fühlt, weggeschoben wie etwas Lästiges, wie eine Stubenfliege, ohne jede Erklärung, die einem etwas an die Hand geben könnte, um zu verstehen.

Verlassene sind nach dem plötzlichen Schluß machen traumatisierte

Schluß machen ist immer ein Trauma, aber wer weiß, warum er weggeschickt wurde, der hat eine Maßgabe, an der er sich abarbeiten kann. Abarbeiten heilt. Es macht die Trennung nicht besser, doch es gibt einem ein psychologisches Werkzeug an die Hand, das es einem ermöglicht, das verletzte Selbstbewusstsein nach und nach aufzubauen und den Mut und das Vertrauen zu entwickeln, sich wieder auf eine Beziehung einzulassen. Wer dagegen mit der Brachialgewalt Ghosting konfrontiert wird, der verliert den Halt auf eine dramatische Art und Weise, die Weise geht an die Substanz, man sackt ins Bodenlose. Es dauert, bis man sich aus diesem Sumpf nach oben gekämpft hat.

Eine Frage von all den Fragen, die man sich beim Liebeskummer stellt, lässt einen nie los: Warum hat mir mein Gegenüber das angetan? Warum wurde mir die Chance des Verstehens genommen? Und hiermit sind wir beim Gegenüber, beim Anderen, bei diesem ominösen Subjekt, das sich nie wieder gemeldet hat. Weil ich verlassen werden aus meinem Leben kenne, und weil ich wirklich mit sehr vielen Menschen gesprochen habe, die das kennen und die gelitten haben wie ein Hund, habe ich mich bis jetzt mehr oder weniger mit den „Opfern“ befasst, weniger mit den „Tätern“. Ich setze das in Anführungsstriche, weil wir in der Modern Love School auch den Blick darauf zu lenken versuchen, was man vielleicht selbst dazu beigetragen hat, um geghostet worden zu sein. Einfach ein Gedankenspiel.

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Eigener Anteil am Verlassen werden?

Das Erste, was mir zum Eigenanteil für die Katastrophe einfällt, ist das sogenannte Beuteschema. Es gibt Menschen mit starker Bindungsangst, die sich nach außen hin nichts mehr wünschen als eine Beziehung, die diese jedoch insgeheim scheuen wie der Teufel das Weihwasser. Bindungsängstliche Menschen ziehen Menschen gleicher Couleur an wie Motten das Licht, eine toxische Verbindung. Zunächst wirkt die Nähe sehr verlockend, und von jetzt auf gleich ist sie dann ein Horror, man sieht zu, dass man schnell weg ist, da man nicht erklären kann, was einen treibt, weil man sich schlicht nicht durchschaut, gibt man auch keine Erklärung ab, das ist eine eher harmlose Ursache für das plötzliche Verschwinden. Hinzukommt, dass man sich möglicherweise ein Türchen offen lassen möchte und deshalb schweigend geht. Wer das tut, der meint, er kann auch wieder zurück, das denken die Schluß Macher jedenfalls, sie fühlen sich als Macher. In der Tat, sie haben über den Menschen, den sie zurücklassen, auf eine fiese Weise Macht, sie lassen ihn zappeln. Die gebeutelten Zurückgelassenen zerbrechen sich den Kopf und ihr Herz, warum sie stehengelassen worden sind. Mehr Aufmerksamkeit kann man nicht haben als wenn man wie ein Geist verschwindet, die Gedanken des anderen folgen einem auf der Flucht.

Schluß machen ist schlimm genug. Ohne Erklärung für den Trennungsgrund ist Verlassen werden noch schmerzhafter.

Was mir in dieser Konstellation von zwei Bindungsunwilligen auffällt, ist, dass der eine freiwillig die aktive Rolle übernimmt, der andere die passive. Ich gehe davon aus, dass das unbewusst geschieht. Vielleicht wäre hier ein Rollentausch möglich, vielleicht werde ich eines Tages jemand sein, der wortlos geht und all die verzweifelten Anrufe und Nachrichten des von mir Verlassenen erbarmungslos ignoriert. Ich hoffe, dass das niemals passiert, dass ich mich derart vergesse.

Ich komme auf einen weiteren Punkt, der mir in diesem Zusammenhang sehr interessant erscheint. Gab es längst vorm plötzlichen Ende Signale, dass der andere sich zurückziehen möchte? Hat man diverse Winke mit dem Zaunpfahl übersehen? Ich bin durch meine Gespräche und durch eigene Erfahrung mit beiden Möglichkeiten vertraut, mit spärlichen Meldern, die einen niemals ghosten würden, die einfach ungern texten oder anrufen, die seltenen Lebenszeichen bedeuten nichts Böses. Gänzlich nicht-melden, das würde diese Spezies nicht tun. Weiterhin gibt es muntere Melder, die sich andauernd melden. Und dann – Zack – sind sie weg. Ohne Signale.

Wie ich selbst verlassen wurde

Vor vielen Jahren habe ich mehrmals am Tag entzückende Liebes-Nachrichten bekommen, vier Wochen kannte ich den Mann, ich habe ihn in der Zeit oft getroffen, er wollte das, ich auch, wir konnten nicht genug von einander kriegen. Der Bursche beschwor mich, ich sei die Einzige und die Beste, er sei total verliebt und könne sich die Ehe mit mir vorstellen. An einem Abend schrieb er, er wolle am nächsten Tag für mich Spargel kochen, er käme um 18 Uhr zu mir, ich müsse nichts einkaufen, er bringe alles mit. Und er zähle die Stunden bis zum Wiedersehen. Am nächsten Tag kam er nicht, auch nicht am übernächsten, er kam nie wieder. Weil alles so schön mit uns war, bin ich sicher gewesen, er liegt im Krankenhaus oder ist gar tot. Wie oft habe ich die Polizei angerufen? Ich weiß es nicht mehr. Ich habe nie erfahren, warum ich auf einmal nicht mehr einen Anruf wert war oder eine Nachricht. Von Hundert auf Null. Es hat lange gedauert, bis ich mich damit abgefunden habe. Eine Alternative gibt es nicht: man muss sich „einfach“ abfinden. Das tut sehr weh.

Gemeinsam kann man nur fliegen, wenn man sich aufeinander verlassen kann

An diesem Beispiel lässt sich meines Erachtens gut exemplifizieren, dass es schwierig ist, eine Kausalität herzustellen zwischen der Häufigkeit von Signalen und der Wirkung von Signalen. Es laufen – und nicht zu knapp – Männer und Frauen herum, die senden Signale großer Zuneigung, die geben richtig Gas, und dann von einem Tag auf den anderen nehmen sie den Fuß vom Gas. Stillstand

Ich bin sicher, dass es auch die anderen Fälle gibt, wo es für die Entscheidung zu Trennung Anzeichen gab, dass der andere auf Distanz geht und man wollte sie nur nicht sehen.
Es ist schwierig, hier empirische Studienergebnisse zu präsentieren. Als Liebesforscherin kann ich nur wiedergeben, welche Geschichten und Fälle ich hörte, wie diese sich gestalten haben. Die Zahl der Fälle, wo es wirklich keine Anzeichen gab, wo der Mensch kommentarlos vom Mensch zum Geist wurde, scheint mir wesentlich größer.

Generation unverbindlich: Maximale Freiheit, minimale Verpflichtung

Ein Kollege wollte von mir wissen, und ich will das auch wissen, ob diese Methode des plötzlichen aus der Welt-Seins womöglich dem Zeitgeist entspricht, ob wir es wollen oder nicht. Wir leben zunehmend in einer Epoche, die von Unverbindlichkeit bestimmt ist. Komme ich heute nicht, komme ich morgen. Oder postmodern gesagt: „Anything goes“. Was in diesem Horizont auch geht: Keine Verbindlichkeit, keine Kommunikation. Oder nur welche nach dem Prinzip des Hedonismus.

Das virtuelle Miteinander macht es möglich. Vielleicht ist diese neue schnelle Art, Beziehungen zu knüpfen und sie bei wachsendem Desinteresse fallen zu lassen wie eine heiße Kartoffel der Beginn einer neuen Ära, mit Liebe, mit Beziehung umzugehen. Nicht schön, aber zeitgemäß. Vielleicht sind jene, die auf eine Erklärung erwarten, wenn einer gehen will, die ewig Gestrigen. Der weise Soziologe Hartmut Rosa sagt dazu, dass wir Menschen Resonanz dringend brauchen, wir brauchen sie existenziell, wir müssen in Beziehung sein, auch wenn wir eine Beziehung beenden.

Ich sage entschieden: Schluß machen ohne Vorwarnung und ohne Erklärung akzeptieren – als Ausdruck des Zeitgeists enttabuisieren und gesellschaftsfähig machen? Nein! Wenn das einreißt, dann können wir uns von der Liebe generell verabschieden. Liebe ist etwas Gutes, sie macht die Menschen besser, sie ist ethisch, sie sollte auch an ihrem Ende ein Gut-Sein mit sich führen, das einen dazu bewegt, das Gegenüber in seiner Menschenwürde zu sehen und dieser gerecht werden. Man muss doch Mitgefühl haben, wenn man geht! Man muss es erwachsenen machen, man muss Worte finden. Das gibt es kein Pardon.

In Hamburg sagt man „Tschüss“. Das sollte weltweit gelten.

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